the cold room
- Daniel Weiss

- 25. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025

Am Anfang sieht alles nach Luxus aus.
Eine neue Schlachterei vielleicht. Eine dieser radikal reduzierten Boutiquen, die sich bewusst von Wochenmarkt-Idyll und Metzgerromantik verabschiedet haben. Edelstahl statt Holz, Glas statt Fliesen, kaltes Licht statt warmem Versprechen. Ein Ort für Menschen, die genau wissen wollen, was sie kaufen – und bereit sind, dafür zu bezahlen.
The Cold Room liegt im Erdgeschoss eines ehemaligen Kaufhauses aus den siebziger Jahren, am Rand der Innenstadt von Den Haag. Beton, lange Fensterbänder, von außen fast unsichtbar. Nur ein einziger Raum ist hell erleuchtet. Drinnen wirkt alles präzise, kontrolliert, hochwertig. So, als hätte jemand die Ästhetik eines High-End-Fashion-Stores auf Fleisch übertragen.
An Stangen hängen Rinderhälften hinter großen Glastüren, ausgerichtet wie Mäntel. In Regalen liegen vakuumverpackte Stücke, silbern gefasst, transparent, makellos. Auf dem Tresen: abgepackte Ware, sauber präsentiert, etikettiert wie Luxusprodukte. Die Verkäufer tragen Hemd und Krawatte, weiße Lackschürzen, schwarze Gummihandschuhe. Ihre Bewegungen sind ruhig, professionell. Es wird wenig gesprochen. Alles deutet darauf hin: Hier wird Fleisch verkauft. Teures Fleisch. Bewusstes Fleisch. Luxusfleisch.
Erst später merkt man, dass etwas nicht stimmt.
Denn nichts hier ist echt. Kein einziges Stück Fleisch stammt von einem Tier. Keine Rinderhälfte, kein Filet, kein Cut ist real. The Cold Room ist keine Schlachterei. Es ist auch kein Laden. Es ist eine Installation.
Und genau darin liegt der eigentliche Schock.
Denn The Cold Room zeigt nicht, wie Fleisch aussieht. Er zeigt, wie wir gelernt haben, es zu betrachten. Als Produkt. Als Objekt. Als Ware, deren Herkunft, Ressourcenverbrauch und Folgen irgendwo außerhalb unseres Blickfelds liegen.
Die Verpackungen tragen nüchterne Angaben. Keine Geschichten, keine Bilder, keine Versprechen. Stattdessen Zahlen und Begriffe, gesetzt wie Pflegehinweise auf einem Kleidungsstück: Wasserverbrauch pro Kilogramm. Futtermittelherkunft. Flächennutzung. Abfallentsorgung. Umweltfolgen nicht kompensiert.
Wer sie liest, beginnt zu rechnen.
Würde man Fleisch tatsächlich unter Bedingungen produzieren, die Umwelt, Boden und Wasser nicht belasten? Würde man Tiere so halten, dass ihre Haltung nicht auf Kosten der Allgemeinheit geht? Würde man Abwasser, Emissionen, Futtermittel und Infrastruktur ehrlich einpreisen?
Dann wäre Fleisch kein Alltagsprodukt. Dann wäre es Luxus.
Mehrere hundert Euro pro Kilogramm. Mindestens.
Doch genau das Gegenteil ist Realität. Fleisch ist billig, weil ein Großteil seiner Kosten ausgelagert wird: in verschmutzte Böden, in belastete Gewässer, in öffentliche Kläranlagen, in globale Lieferketten.
Wir zahlen den Preis – nur nicht an der Kasse.
The Cold Room dreht diese Logik um. Nicht, indem er moralisiert, sondern indem er ästhetisiert. Er zeigt Fleisch so, wie Fast Fashion Kleidung zeigt: perfekt inszeniert, jederzeit verfügbar, begehrlich. Die Verantwortung verschwindet hinter Oberflächen. Man kauft – oder möchte kaufen –, weil es gut aussieht. Nicht, weil man weiß, was dahinter steckt.
Dass all dies nur Kulisse ist, verstärkt die Wirkung. Denn die Installation funktioniert zu gut. Zu viele Besucher halten sie zunächst für real. Und genau das ist der Punkt.
Hinter dem Projekt steht ein Künstlerpaar, das bewusst auf Erklärungen verzichtet. Für sie ist The Cold Room kein Kommentar, sondern ein Spiegel. Er zeigt, wie selbstverständlich wir Luxusästhetik mit Qualität verwechseln – und wie leicht sich selbst die schwersten Themen neutralisieren lassen, wenn man sie gut genug verpackt.
Am Ende verlässt man den Raum mit einem seltsamen Gefühl. Nicht, weil man Fleisch gesehen hat. Sondern weil man gemerkt hat, wie normal sich alles angefühlt hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis von The Cold Room:Dass Fleisch nur deshalb kein Luxus ist, weil wir uns entschieden haben, es nicht als solchen zu behandeln.
Und dass wir sehr gut darin sind, nicht hinzusehen – solange es schön genug aussieht.
DWHH.art ist das persönliche Kunstprojekt von Daniel Weiss – eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und AI. Alle Geschichten und Bilder sind Fiktionen – erschaffen mit künstlicher Intelligenz, erzählt mit menschlicher Vorstellungskraft. Für alle, die glauben, dass Schönheit denken darf.





























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